Jugendliche loslassen und beistehen

Jugendliche loslassen und beistehen

Eine der schwierigsten Phasen, sowohl für die Eltern als auch die Jugendlichen, ist der Prozess des Ablösens. Dabei kann es manchmal ordentlich krachen, wenn plötzlich verschiedene Meinungen aufeinandertreffen, obwohl es doch vorher so ruhig war. Vorab: Keine Panik, das passiert nicht nur bei euch, sondern auch allen anderen und ist vollkommen normal! In der Pubertät lernen und erfahren die Kinder sich selbst, werden Stück für Stück eigenständiger und finden heraus, wer sie als Mensch sind und sein wollen. Dass sich dabei von den Eltern unabhängige Sichtweisen und Meinungen entwickeln, ist Teil davon. Kommt es euch also so vor, als stünde manchmal eine fremde Person vor euch, dann ist das ein natürlicher Prozess der Identitätsfindung.

Bedürfnisse der Jugendlichen

Schwierig ist es, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Jugendlichen in dieser Zeit richtig zu erkennen. Auf der einen Seite ist dort der Wunsch, sich abzunabeln und in eine neue Richtung zu entwickeln, die nicht mit den Eltern in Zusammenhang steht. Auf der anderen Seite brauchen sie gerade in dieser Phase den Halt und die Beständigkeit von den Eltern, denn sie sind mit etwas für sie völlig Unbekannten konfrontiert: Das Ende ihrer Kindheit und der Beginn des Erwachsenenlebens. Eine Zeit voller Veränderungen, die beängstigend wirken kann, denn alles Gewohnte und Vertraute verschwindet langsam.

Grenzen setzen

In dieser Zeit werden neue Grenzen gesetzt und ausgetestet, Freiheiten erlangt und eingefordert. Dass kann stressig und anstrengend für beide Seiten werden. Im Hinterkopf solltet ihr aber behalten, dass das in den wenigsten Fällen respektlos gemeint ist und auch die Liebe zueinander ändert sich nicht. Sich in die jeweils andere Person hineinzuversetzen kann neue Perspektiven aufzeigen und verdeutlichen, dass viele Dinge nicht aus Wut und Undankbarkeit entstehen, sondern aus dem Verlangen, neue Richtungen zu entdecken.

Unterschiedliche Charaktere, verschiedene Prozesse

Obwohl viele Familien darin vergleichbar sind, dass der Ablöseprozess durch Streit untereinander deutlich macht, verläuft es doch selten ähnlich. Jeder Jugendliche kommt mit anderen Voraussetzungen, Wünschen und Ideen in diese Phase. Anstatt lautstark zu diskutieren, ziehen sich andere in ihre eigene Welt zurück und sind schwerer zu erreichen. Beide Seiten haben ihre Herausforderungen – anstrengendes Gestreite oder abwesende Träumereien stellen euch vor Schwierigkeiten, die sich aber in jedem Fall meistern lassen. Auch, wenn es beiden Parteien manchmal endlos vorkommt. Geduld und Verständnis sind dabei Schlüsselbegriffe. Auch für Eltern kann es schwer sein, mit der neu erfahrenen Stärke ihrer Kinder umzugehen und zu erkennen, dass sie erwachsen werden und eine andere Phase ihr Ende nimmt.

Erfahrungsgemäß treten Konflikte am häufigsten zwischen Mutter und Tochter und Vater und Sohn auf. Das hat den simplen Grund, dass hier eine Gleichheit ist, von denen sich die Kinder abgrenzen wollen beziehungsweise dessen Rolle in Frage stellen. Es ist also kein negatives Zeichen, wenn ein Elternteil plötzlich besser mit dem Kind klarkommt, obwohl es vorher anders gewesen ist.

Der neue, sichere Hafen

Je weniger die Kinder sich an ihre Eltern anlehnen, desto größer wird die Bedeutung der Freunde, zu denen sie sich zugehörig fühlen. Neben der Familie gibt es nun einen neuen Bindungspunkt. Hier lernen sie, mit Altersgenossen umzugehen und ihre sozialen Fähigkeiten werden fundamental geprägt. Als Eltern darf man diesen Teil der Charakterentwicklung und die Wichtigkeit dieser neuen Stütze nicht unterschätzen und gegebenenfalls sogar fördern. Jugendliche möchten sich woanders als zuhause orientieren, sich behaupten und mit den Menschen zusammen sein, die ihnen ähnlich sind und die ebenfalls neue Denkmuster entdecken. Nur so können sie zu selbstsicheren Menschen werden, die wissen, wie sie mit Rückschlägen und negativen Ereignissen, aber auch Freundschafts- und Erfolgserlebnissen umgehen.

Den Balanceakt halten

Es ist schwierig, den richtigen Mittelweg zu finden, um die Kinder in ihrem Loslösungsprozess unterstützen zu können. Weder sollte man dem Kind alle Freiheiten der Welt geben und sich nicht mehr kümmern, noch sollten die Kids unter einer „Helikoptermentalität“ der Eltern leiden. Beides würde ihrer Entwicklung im Weg stehen, diese im schlimmsten Falle sogar beschädigen. Als Eltern seid ihr weiterhin eine Autoritätsperson, aber auch ein Ansprechpartner, an den sich angelehnt werden kann, wenn es gebraucht wird. Es gilt, den Grad zwischen genügend Freiraum und eigenen Erfahrungen und festen Grenzen zu finden. Dies geschieht nicht über Nacht, sondern dauert, bis man gegenseitig herausgefunden hat, was für eure individuelle Familie funktioniert. Wählt man den Weg der ständigen Kontrolle, weil man sich dadurch auf der sicheren Seite wähnt, erzieht man übrigens eher einen wirklich guten Lügner, der wenig Vertrauen in seine Eltern hat und einen unselbstständigen Erwachsenen.

Natürlich haben auch Eltern Ängste, denen es sich zu stellen gilt, dann auch sie gehen durch einen Ablösungsprozess. Wichtig ist es, zu wissen, dass die Dynamik der Beziehung untereinander sich zwar verändern wird, aber deswegen nicht weniger eng ist und immer mehr gleichberechtigt wird. Es ist verständlich, dass einem in dieser Phase sein eigenes Älterwerden bewusst wird – dies darf nur nicht mit der Reaktion begegnet werden, an der Kindheit der Sprösslinge zwingend festhalten zu wollen.

Eine Rebellion

Die Jugendlichen lernen, mit ihrer Freiheit, ihrer Stärke und sich selbst umzugehen. Der Weg dahin ist steinig und mit vielen Höhen und Tiefen verbunden. Sie testen alles aus, um den zu ihnen passenden finden zu können. Dass das nicht bedeutet, dass Eltern ihre Rebellion kommentarlos hinnehmen müssen, sollte klar sein. Grenzen bleiben ein fester Bestandteil! Beleidigungen und körperliche Auseinandersetzung sind ein Tabu, dass nicht überschritten werden darf. Macht dann klar deutlich, dass hier eine Linie überschritten wurde, die verletzend ist und so nicht akzeptiert wird.

Auch, wenn ein Schreiduell manchmal unausweichlich scheint: Versucht, ruhig zu bleiben, auch wenn der Gegenüber es nicht ist. Erst, wenn man abgekühlt ist, kann man zueinander durchdringen und seine Argumente für den anderen deutlich machen. Gerade dann ist es wichtig, auch die andere Partei ihre Sichtweise schildern zu lassen und Gemeinsamkeiten/Kompromisse zu suchen. So erhält man sich sein Vertrauen und die Autorität, ohne die Kinder mit zu viel Freiheit zu überfordern oder sie in ihren negativen Verhaltensweisen zu bestärken. Vor allem bedeutet das auch, dass die Kids ernstgenommen werden und dass das Erwachsenenwerden von euch unterstützt wird. Das bedeutet nicht, dass dies nicht trotzdem öfter vorkommen wird. Hier gilt es, einen langen Atem und starke Nerven zu haben. Das funktioniert, indem man sich klar macht, dass keine bösen Absichten hinter der Aufsässigkeit der Kids liegen, sondern ein ständiger, langer Prozess in ihnen stattfindet, der auch sie viel Energie kostet.