Kinder zu mehr Selbstständigkeit erziehen

Warum Kinder selbstständig werden müssen

Selbstständigkeit gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten, die Kinder erlernen müssen, um zu einem gesunden, ausgeglichenen Jugendlichen und Erwachsenen heranwachsen zu können. Der Grundstein dafür muss bereits im Kleinkindalter gelegt werden. Das bedeutet, ihnen unter anderem altersgerechte Aufgaben Schritt für Schritt zu überlassen.

Der tägliche Schulweg

Ein Beispiel für mangelnde Selbstständigkeit von Kindern ist der tägliche Schulweg. Sie werden im sogenannten „Eltern-Taxi“ bis vors Schultor gefahren, im ärgsten Falle noch bis ins Klassenzimmer begleitet. Das sorgt für Verkehrschaos, Verspätungen und Gedränge am Morgen. Die Gefahrensituationen, die damit häufig verhindert werden sollen, werden dadurch eher gefördert.

Gleichzeitig bedeutet es für die Kinder auch, ihnen viel Verantwortung abzunehmen. Man nimmt ihnen die Möglichkeit, ein Gefühl und Verständnis für Verkehr und deren Teilnehmer zu entwickeln. Gefahrensituationen einzuschätzen fällt ihnen schwerer und sie müssen kaum noch mit anderen Verkehrsteilnehmern kommunizieren. Für diejenigen, die glauben, der Schulweg könne zu gefährlich sein, falsch gedacht! Statistiken belegen, dass Kinder häufiger im Auto der Eltern verunglücken, als beim Fußweg zur Schule.

Den Kindern ist, von einer kürzeren Wegzeit mal abgesehen, nicht geholfen, im Gegenteil. Kids, die zur Schule laufen, sind sozial besser integriert, ausgeglichener und fitter als die andere Seite. Das lässt sich einfach erklären: Sie verbringen mehr Zeit mit ihren Altersgenossen und erleben ihren Schulweg gemeinsam. Das verbindet und fördert zwischenmenschliche Beziehungen enorm. Dadurch steigt auch die Selbstständigkeit.

Eltern sollten ihre Kinder also an diese Situationen gewöhnen und sie dazu ermutigen. Geht man die ersten Tage den Schulweg gemeinsam, kann man die bevorstehende Situation leichter einschätzen und das Kind beurteilen. Überlässt man dem Kind beim zweiten oder dritten Mal Laufen die Führung, kann es beweisen, was in ihm steckt und den Eltern so auch die Sorge nehmen.

Übrigens: Um 1970 sind neunzig Prozent der Schüler zur Schule gelaufen. Heute geht nur noch jeder zweite bis dritte Schüler zu Fuß! Auch wenn der Weg mit dem Auto uns manchmal unkomplizierter und sorgenfreier erscheint: Damit helfen wir den Kindern nicht.

Der innere Drang zur Selbstständigkeit

Kinder möchten ihre Schuhe selbst binden, die Gartentür allein öffnen, ohne Stützräder fahren. Kurz gesagt, sie haben von Natur aus einen inneren Drang zur Selbstständigkeit, den man unterstützen und nicht verkommen lassen sollte. Trauen Sie Ihrem Kind zu, Dinge allein erledigen zu können und ermutigen Sie es. Übernehmen die Eltern alles, zeigen sie dem Kind eine ganz eindeutige Botschaft: „Du kannst das nicht und wir glauben nicht , dass du es schaffen kannst!“ Selbst wenn dies nie die Intention ist, wird es den Kindern unterbewusst vermittelt und eingeprägt.

Dabei ist das Prinzip „Hilf mir dabei, es eigenständig zu können“ ein guter Wegweiser. Lassen Sie sich vor allem nicht von eigenen Ängsten leiten. Diese übertragen sich auf Ihr Kind und machen es unsicher. Möchte das Kind beispielsweise Kampfkunst erlernen, dann geben Sie ihm die richtige Hilfestellung, indem Sie nach einer qualifizierten Schule mit altersgemäßem Unterricht suchen. Das Kind möchte hoch hinaus am Klettergerüst? Dann denken Sie nicht daran, dass es sich vielleicht wehtun könnte. Zeigen Sie ihm stattdessen, wo es den sichersten Griff hat.

Unterstützen Sie Ihr Kind und zeigen ihm, dass Sie an es glauben und seinen Fähigkeiten vertrauen. Sein Selbstbewusstsein wird zusammen mit seiner Selbstständigkeit gleichermaßen entwickelt. Zudem lernt es, Probleme auch allein zu lösen, dabei aber immer auf Ihre Hilfe zählen zu können.

Von Konflikten und Urvertrauen

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, die Selbstständigkeit zu fördern.

Allen voran steht das Urvertrauen der Kinder an ihre Eltern. Sie müssen sich immer, zu jeder Zeit und jedem Fehler, den sie vielleicht begehen, sicher sein können, dass sie geliebt werden. Das gibt ihnen das nötige Vertrauen, sich in neue Abenteuer zu stürzen und sich nicht von dem Gedanken abhalten zu lassen, dass vielleicht etwas schief gehen könnte – weil sie sich sicher sein können, ein Netz unter sich zu haben, falls sie fallen.

Konflikt- und Problemlösung ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein Mensch zur Selbständigkeit braucht und wird früh erlernt. Vorausgesetzt, man lenkt dies von Anfang an in die richtigen Bahnen. Eltern lösen die Probleme der Sprösslinge untereinander zu oft selbst, obwohl ihre Kinder das durchaus schaffen und dabei etwas fürs Leben lernen könnten! Auf welche Eigenschaften sie in einer Freundschaft Wert legen, wie man Kompromisse eingeht, sich entschuldigt und vieles mehr. Natürlich darf ein Schubs in die richtige Richtung nicht fehlen, indem Zuhause beispielsweise über die Gefühlswelt des Kindes gesprochen wird, aber es sollte nicht die volle Kontrolle übernommen werden.

Erfolgserlebnisse schaffen!

Dem Kind Aufgaben geben, die es sicher schaffen kann, fördert das Selbstvertrauen jedes Mal ungemein. Damit wird es sich mit der Zeit an immer anspruchsvollere Dinge trauen und nicht verzweifeln oder aufgeben, wenn etwas nicht sofort funktioniert, wie es ursprünglich geplant war. Es weiß immerhin sicher, dass es selbst Probleme lösen kann (und immer mit den Eltern über mögliche Lösungswege sprechen kann).